Letzte Woche, von Freitag nacht auf Samstag früh, hat Google die Anzeige ihrer
Page-Rank-Technologie ohne Vorwarnung abgeschaltet. Noch ist ungeklärt, ob dies in voller Absicht oder aufgrund eines technischen Fehlers geschehen ist, aber die Webgemeinde ist sich sofort einig: Von "Das ist der Tod von Google" bis "Endlich ein Neuanfang" sind einmal mehr alle Meinungen im Netz vertreten. Sogar die ersten, wenn auch witzig gestalteten "
urban legends" zu diesem Thema sind sofort gefunden.
Hieß es nicht in der good old German Economy früher: "
Wenn die Automobilindustrie hustet, hat Deutschland einen Schnupfen"? Nun, etwas ähnliches scheint sich momentan in der New Economy zuzutragen, glaubt man den
Beteiligten. Und
sprach man letztes Jahr von erfolgreichen New Economy Hypes, dann meinte man nach einem bravourösen Börsengang und
stets steigenden Kursen wohl: Google.
Seiten werden ins Internet gestellt, von Google abgeholt, analysiert, in Suchergebnisse aufbereitet und in Reihenfolge gebracht, von den Benutzern dort gefunden und aufgerufen. Nicht umsonst sagt mittlerweile keiner, der etwas auf sich hält, "Schau doch mal im Internet nach". Nein, neudeutsch googelt man heutzutage. Also alles Friede, Freude, Eierkuchen? Nicht wirklich. Es brodelt unter der Oberfläche, viel mehr als mancher annehmen mag und kann. Zum einen gibt es einen neuen Begriff des Spammings, den sogenannten Suchmaschinen- oder Google-Spam. Zum anderen ist die Motivation dahinter recht einfach: Wird man gut in Suchmaschinen gefunden, die Seite dementsprechend oft aufgerufen, dann kann da richtig Geld dahinter stecken. Also tut man alles, dieses Ziel zu erreichen.
Und achtet natürlich peinlichst genau auf jede Änderung, welche Google vornimmt um die Ergebnisse anzuzeigen. Wie "liebevoll" dies geschieht wird klar, weil jedes sogenannte Google-Update (eine Änderung der Parameter oder des Algorithmus, mit dem Google die Suchergebnisse berechnet) einen eigenen Namen erhält: "Florida", "Austin", "Brandy", "Allegra", "Bourbon", und wie sie alle noch in Zukunft heißen mögen. Und immer abenteuerlicher werden auch die Techniken und Algorithmen, die Google zugeschrieben werden: Vom allgemein bekannten und von Google zugegebenem Page-Rank (benannt nach Larry Page, einem der zwei (Er)finder und Gründer von Google) bis hin zu teils sehr komplexen Theorien über Begriffe wie Link-Popularity, BlockRank, TrustRank, semantischen Sprachanalysen, und, und, und.
Aber dieses mal war der Aufschrei größer und der Nachhall lauter als sonst. Schon seit längerem wird von SEOs behauptet, dass Google seine Technik nicht mehr im Griff hat und am Wochenende scheint der Beweis dazu endlich erbracht worden zu sein: Der Page-Rank, die Innovation von Google, der Grund, warum die Suchergebnisse von Google besser sind als von anderen Suchmaschinen, ist weg. War er bisher als grüner Balken in der Google-Toolbar zu sehen, bleibt dieser Balken jetzt grau. Sakrileg! Der Tag ist gekommen! Der Tod von Google! Jetzt überholt Microsoft endlich Google im Searchengine-War. Don't be evil hat ausgespielt. Google hat ausgespielt, aus, Amen.
So oder so ähnlich lesen sich momentan Einträge in einschlägigen Foren und sogar bei heise hat man das Thema aufgegriffen. Jetzt mal ehrlich: Das alles nur, weil ein grüner Balken jetzt grau in einem Internet-Explorer- oder Firefox- Plugin angezeigt wird? Ein Balken, dessen angezeigte Werte sich inzwischen nur alle drei Monate ändern (wobei sich jeder darüber klar sein sollte, dass der nicht angezeigte, echte Page Rank sich viel öfter ändert)? Werden die Seiten denn jetzt nicht mehr von Google gefunden? Eine ganze Branche scheint zu zittern und teilweise ihre Lebensgrundlage bedroht zu sehen. Verständlich wäre dies zum Beispiel bei Katalogseiten, die ihre Verlinkung aufgrund eines hohen PRs teuerer verkaufen können, aber praktisch jeder schreit laut auf, zum Guten wie zum Schlechten. Man möchte selber aufstehen und schreien: "Aufwachen! Wartet ein paar Tage, er ist nicht weg und kommt wahrscheinlich wieder!". Die Marktmacht der größten Suchmaschine der Welt ist vielleicht sogar schon zu groß, aber es ist und bleibt eine Suchmaschine und nicht das Internet, wie viele sich vermeintlich schon verinnerlicht haben. Google hustet und das Internet hat Schnupfen? Wohl kaum. Google hustet und das Internet ist verschnupft? Das schon eher.
Jürgen Melchhammer, itechWorks
Soeben ist der Pagerank wieder zum Leben erwacht. Es war also doch nur - wie vermutet - ein temporäres technisches Problem.
Aufgenommen: May 30, 23:38