Menschen, die von der Notwendigkeit von
Innovation überzeugt sind - so wie ich, verlieren bei aller Vorsicht und Rücksicht manchmal den Blick für Hemmschwellen Anderer. Da macht es Sinn, sich ab und zu in Erinnerung zu rufen, dass man Innovation nicht nur als Chance, sondern vor allem
als Risiko zu sehen kann. Dabei übersehe ich ein bestimmtes Risiko nie - es ist das Unterlassungsrisiko.
Innovation wie Versicherungen verkaufenInnovation zu verkaufen, ist ein wenig wie
Versicherungen verkaufen: Man muss den gesunden Kunden davon überzeugen, dass es Sinn macht, für etwas Geld auszugeben, das er im Moment nicht braucht. Dieses Überzeugen geht mit zwei Arten:
positive Motivation verwenden die Anbieter, die durch den Abschluss einer Lebensversicherung einen entspannten Lebensabend in haselnussbraun voraussagen.
Negative Motivation verwenden die Versicherungsvertreter, die Fragen stellen wie: "Was wird aus Ihrer Familie, wenn Sie morgen verunglücken? (Lebensversicherung)" oder "Wie wollen Sie bitte mit ihrem Rollstuhl die Treppe bis zu Ihrer Wohnung hochkommen, wenn Sie sich morgen das Kreuz brechen? (Unfallversicherung)". Positive Motivation ist vielleicht moralisch vertretbarer. Negative Motivation - sagt man - verkauft besser.
Gründe sind wahrscheinlich die persönlichen Nachvollziehbarkeit (Nachfühlbarkeit) der Ereignisse und die "Fallhöhe". Jedem sind schon schmerzhafte Missgeschicke passiert. Man kann sich daher sehr gut vorstellen, beim nächsten Mal nicht mit einem blauen Auge davon zu kommen. Andererseits wird es wohl als nicht schlimm empfunden, wenn man den Lebensabend nicht am Strand, sondern einfach auf dem Balkon verbringt. Das wäre für die meisten zumindest keine Verschlechterung.
Kaufhaus DeutschlandWenn ich über Innovation spreche, dann vergleiche ich die Unternehmer gern mit Personen auf einer Rolltreppe. Viele glauben, wenn sie nur ruhig bleiben und sich gut festhalten, dann wird es schon ewig weiter aufwärts gehen. Meine These: Jede Rolltreppe ist einmal zu Ende. Wenn ich mich nicht rechtzeitig auf die Veränderung vorbereite, werde ich am Ende stürzen. (Das ist leider negative Motivation)
Jetzt sagen Sie, im Kaufhaus Deutschland ist der Strom an den Rolltreppen inzwischen abgestellt, es gibt also keinen Grund zu überhasteten Aktionen. Mehr noch, sagen Sie, wenn man derzeit nicht alle Kraft aufwendet, sich festzuhalten (Kerngeschäft), läuft man Gefahr (Risiko!) schon jetzt zu stürzen. Darauf muss ich leider antworten: Ihre direkte Konkurrenz wird früher oder später auch auf der Rolltreppe den Fuß heben, um wenigstens auf die nächste Stufe zu kommen. Die ausländische Konkurrenz ist ohnehin längst über das Treppenhaus auf dem Weg in die nächste Etage. (Leider wieder negative Motivation)
Positive Motivation funktioniert auch hier nur bedingt, da erfolgreiche Innovationsbeispiele häufig mit verschiedensten Erklärungen abgetan werde (z.B. nicht meine Branche; das geht bei uns nicht, weil ...; die hatten ja auch Unterstützung von ...; konnte ja keiner ahnen, dass wo etwas ankommt; wir sind zu klein; wir sind zu groß; da ziehen unsere Leute nicht mit; da ziehen unsere Chefs nicht mir; kein Geld; keine Zeit, usw.). Was bleibt?
Wie Clara auf Heidis AlmHäufig steht am Anfang eine gewisse Hilflosigkeit. Der Unternehmer steht vor dem Begriff Innovation, wie ein Schriftsteller vor einem leeren Blatt Papier. Innovation ja, aber wie? Nicht jeder ist ein Innovator, ein Visionär, dem die Ideen nur so zufliegen. Nur soviel: Innovation kann man nicht
herpredigen, man kann aber dafür sorgen, dass sie statt findet. Und man kann sich
helfen lassen. Was jeder selbst tun kann: Schrittweise die eigenen Produkte und Dienstleistungen verbessern und weiterentwickeln. Die Richtung?
Managers must accept that they don't have a monopoly on good ideas (Henry
et al, 2002).
Fragen Sie ihre Kunden, fragen Sie Ihre Lieferanten, fragen Sie ihre Mitarbeiter. Trauen sie sich. Sie werden staunen.
Ich umschreibe das mit "das Gehen wieder lernen". So wie Clara aus Frankfurt auf der Alm bei
Heidi das Gehen wieder gelernt hat. Zuerst nur die Füße, später mit Festhalten und am Ende ganz ohne Hilfe. Auch Clara hatte in jedem Entwicklungsschritt immer wieder kleine Rückschläge. Da es sich aber um kleine Schritte handelte, war das Risiko immer gegrenzt. Die Motivation war auch öfter weg, aber da das Ziel, die Vision klar war, ist es dem Großvater immer wieder gelungen, die kleine Clara zu neuen Bemühungen anzuspornen. Am Ende waren alle erfolgreich.
Das hat wenigstens sechs Fernsehfolgen lange gedauert - für uns Kinder eine Ewigkeit. Einen Innovationsprozess in Gang zu bekommen dauert sicherlich länger. Aber es lohnt sich. Soichiro Honda sagte einmal "Success can only be achieved through repeated failure and introspection". Alternativen gibt es ohnehin keine.
Stefan Weiß, FUTURELAB